Trainieren geht über Studieren

Im hauseigenen Trainingszentrum schult Senvion Kunden und Betreiber von Windenergieanlagen, Dienstleister und Servicetechniker. Ob Grundeinweisung, Wartung oder Windpark-Betriebsführung: Schulungsteilnehmer aus aller Welt strömen nach Büdelsdorf. Sie erleben ein Anlagen-Puzzle zum Scharfschalten.

Üben, wenn’s noch Spaß ist

Der bewusstlose Monteur hängt wie ein Sack Kartoffeln in den leuchtend orangen Gurten. Sein Kollege hält ihn mit den Beinen umklammert und seilt sich langsam mit ihm ab. Ganz schön schwierig – aber zum Glück nur eine Übung. Das Höhenrettungsgerät, das jeder Windenergieanlagen-Monteur mit sich führt, ist zwar echt. Genau wie die Rettungsleiter am Turm. Aber der Turm, von dem die beiden Männer abwärts schweben, ist nur sieben Meter hoch und steht in der Simulationshalle des Technischen Trainingszentrums von Senvion in Büdelsdorf.

„Das ASTER-Training ist einer unser Bestseller“, sagt Sven Beck, Leiter des Technischen Trainings. „Kaum ein Notarzt geht da hoch, wenn ein Monteur im Turm einer Anlage verunglückt. Das wäre zu gefährlich. Für die Bergung ist der ‚Zweite Mann’ zuständig – der Kollege.“ Das Additional Safety Training Escape & Rescue gehört bei Senvion zu den Standarderweiterungen für das GWO Höhensicherheitstrainings – und es ist im Ernstfall für die Techniker wie eine Lebensversicherung untereinander.

Das Training hier ist sehr praxisorientiert. Es ist genau zugeschnitten auf die Technik, mit der ich es draußen auf dem Feld zu tun habe.
Julien Salami Service Supervisor, Boralex

Zwanzig Meter vom Übungsturm entfernt beugt sich Trainer Stefan Lau mit drei „Schülern“ über das Hydraulik-Aggregat einer Rotorbremse. Die Topbox hat gemeldet, dass der Hydraulikdruck zu niedrig ist. Die Schulungsteilnehmer suchen den Fehler: Sie messen zuerst den Grunddruck durch. In Ordnung. Sind die Verschlussbohrungen ordnungsgemäß verschlossen? Nein, alle drei sind offen. Also fest zuschrauben. Und schon steigt der Hydraulikdruck in Richtung Sollwert. „Das Training hier ist sehr praxisorientiert“, Julien Salami, Service Supervisor bei der Firma Boralex. „Es ist genau zugeschnitten auf die Technik, mit der ich es draußen auf dem Feld zu tun habe.“

Mehr als 100 verschiedene Technische Trainings bietet Senvion an: von der Grundausbildung für Servicemonteure über die Kundenschulung zum Thema Windpark-Betriebsführung bis hin zur Weiterbildung in speziellen Komponenten. Die Schulungen zu Service und Wartung sind maßgeschneidert auf Senvion Technologie – auf dem freien Markt gibt es sie so nicht. „Neue Anlagentypen erfordern zudem eine permanente Anpassung der Trainings“, sagt Sven Beck. „Dafür arbeiten wir eng mit anderen Abteilungen bei Senvion zusammen, etwa der Entwicklung, dem HSE und dem Service.“

Das Angebot kommt bestens an: 2016 schulte das Team vom Technischen Training mehr als 5.000 Teilnehmer. Darunter viele Kunden und Subunternehmer aus aller Welt.

WEA in der Horizontalen

Gewaltig Eindruck macht immer wieder die Simulationshalle in Büdelsdorf. Hier stehen die einzelnen Komponenten diverser Senvion „Windmühlen“ auf 1000 Quadratmetern säuberlich nebeneinander: Schaltschränke, Antriebe, Umrichter, Topboxen, Rotornaben und so weiter. „Wir sorgen dafür, dass immer die neuesten Komponenten vorhanden sind“, sagt Gruppenleiter Thorsten Hansen. Weil alles weiträumig nebeneinander steht statt eng in der Windenergieanlage, muss niemand hoch in eine Turbine klettern, um an der Hydraulikbremse zu üben. Das spart Zeit, bringt mehr Sicherheit – und günstigere Preise: je nach Trainingsthema können hier bis zu zwölf Personen in einem Rutsch geschult werden. Für viele das Größte: In der Halle steht sogar ein Trafo mit echtem Netzanschluss. Ein Motor simuliert den Wind. „Wir können mit den Komponenten in den Live-Betrieb gehen und Strom ins Netz einspeisen“, sagt Hansen, „praxisnäher geht’s kaum.“

Exklusiv oder gemischt – immer mit Zertifikat

Die Trainings laufen aber nicht nur im Senvion Schulungszentrum. Sie können teilweise auch beim Kunden oder direkt an der Turbine auf freiem Feld laufen. Oder an einer Kaimauer am Fluss Eider: Hier üben Offshore-Techniker unter anderem das Abseilen von einem Trainings- Portal ins Wasser – in Kooperation mit Profirettern aus dem Offshore Bereich und abgesichert von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG).

Es gibt Exklusivkurse und auch gemischte. Auf Deutsch und auf Englisch. Manche Trainings dauern einen Tag, andere zwei Wochen. Einige Schulungen lassen sich sogar im E-Learning absolvieren: Am Bildschirm bekommen die Teilnehmer zum Beispiel erklärt, welches die Spezifikationen und Änderungen an neuen Anlagentypen sind. Oder wie man erkennt, ob Rotorblätter vereist sind. Jeder Kurs schließt mit einer Wissenskontrolle ab: Wer besteht, bekommt ein Zertifikat. „Natürlich ist Senvion an sich zertifiziert“, sagt Certification Manager Verena Becker. „Unser Technisches Training hat zusätzlich ein eigenes Zertifizierungsprogramm und die Simulationshalle selbst ist vom TÜV abgenommen.“

In der Simulationshalle seilt sich gerade das nächste Team vom Turm ab. Geschafft. Auf dem Boden angekommen, klatschen sich die Männer ab, scherzen erleichtert, klicken sich aus den Gurten. Der Trainer lobt. Später werden die Monteure nicht nur mit ihrem Zertifikat nach Hause gehen, sondern auch mit dem sicheren Gefühl, auf den Ernstfall bestens vorbereitet zu sein.